Ungleiche Verteilung

Die ungleiche Verteilung von Vermögen und Schulden

Die zweite zentrale Ursache für die mangelnde Stabilität unseres Weltfinanzsystems ist zwar eigentlich gut erforscht, spielt aber in der öffentlichen Diskussion häufig eine zu geringe Rolle: die ungleiche Verteilung von Vermögen und ihrem Spiegelbild, den Schulden. Nicht nur ist der heutige Finanzmarkt eine Umverteilungsmaschine von unten nach oben und trägt zu einer krassen Konzentration des Vermögens bei wenigen bei.

Umgekehrt bläht die starke Konzentration von Vermögen bei wenigen auch den Finanzmarkt auf und macht ihn instabil. Im Extremfall, in dem nur noch eine Handvoll Milliardäre ganz viel Geldvermögen hätte und die Masse der Menschen mit ihrem Geld nicht das Monatsende erreicht, droht der Kollaps. Denn die Schulden der ärmeren Bevölkerung sind dann keine werthaltige Geldanlage mehr, egal wie elegant man sie in Finanzprodukte verpackt. Genau das geschah 2007 bei den US-Subprime-Krediten. Denn die Finanzkrise begann ja, als die amerikanischen Immobilienkäufer ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten.
Zugespitzt formuliert: Der immense Reichtum, der sich ganz oben ballt, ist zum volkswirtschaftlichen Problem geworden. Es geht hier nicht um Gerechtigkeit oder darum, ob diese Leute ihr Geld fair verdient haben. Es ist einfach so, dass diese Geldmassen, die nach Anlagemöglichkeiten suchen, das ganze System ins Schwanken bringen. Würden dagegen die Vermögenden ihr Geld ausgeben oder an diejenigen verteilen, bei denen am Ende vom Geld noch Monat übrig ist, dann müssten die Unternehmen mehr produzieren und deshalb zusätzlich investieren. Würden die Vermögenden mehr Steuern zahlen, so dass die Staaten mehr in die Infrastruktur investieren könnten, gäbe es ebenfalls mehr reale Nachfrage und eine größere Wirtschaftsleistung. In den vergangenen Jahren jedoch hatten wir eine Situation, in der jede Menge Leute, die gerne genauso viel wie bisher konsumiert hätten, das gar nicht mehr konnten. Denn sie haben real weniger verdient oder ihnen ist von ihrem Verdienst nach Abzug der steigenden Miete real weniger übrig geblieben.
Zusätzlich haben viele Staaten nach Übernahme der Bankschulden in der Finanzkrise ihre Investitionen wie auch viele andere Ausgaben stark zurückgefahren. Das alles zusammen erzeugt die anormale Finanzmarktsituation, in der wir uns befinden.

Akademiker sind oft ein Leben lang verschuldet
Schaut man sich die Schulden der Amerikaner heute an, dann fragt man sich, ob Konsumkredite für eine neue Krise das sein könnten, was die Hypotheken für 2008 waren. Allein 2018 nahmen die Amerikaner 584 Mrd. Dollar an Autokrediten auf. Schon vor der Coronakrise waren über 7 Mio. amerikanische Autobesitzer mehr als drei Monate in Zahlungsverzug mit ihren Kreditraten. Seit 2015 ist der Anteil von Autokrediten mit Zahlungsverzug ständig gestiegen. Bei vielen wachsen die Schulden sogar mit jedem neuen Auto an. Denn wer den alten, noch nicht abgestotterten Wagen in Zahlung gibt und dafür etwas Neues anschafft, dem wird der Restkredit einfach auf das neue Darlehen draufgeschlagen. In etwa einem Drittel aller Fälle führt das dazu, dass der Kredit, der zurückgezahlt werden muss, inzwischen höher ist als der Wert des Autos. Wer in dieser Situation in Not gerät, bei dem reicht es nicht mal mehr aus, das Auto zu verkaufen, um von den Schulden runterzukommen.11 Diese Summe aus Krediten wird dann zum systemrelevanten Problem, wenn wie bei der Subprimekrise im Immobilienmarkt auf einmal viele ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Ein Problem in der Realwirtschaft kann so leicht auf den Finanzmarkt übergreifen. Etwa weil eine
Bank, die dann wieder mit allen anderen Banken vernetzt ist, zu viele faule Kredite vergeben hat. Oder weil die Kredite zu Wertpapieren verbrieft wurden und längst in den Portfolios der Anleger stecken. Angesichts der hohen Zahlungsausfälle müssten diese Papiere hohe Risikoaufschläge haben, also deutlich besser verzinst werden als sehr sichere Staatspapiere. Das ist aber nicht der Fall. Weil so viel Geld nach Anlagemöglichkeiten sucht, werden die Risiken nicht angemessen bepreist. Das weckt böse Erinnerungen an die geringen Risikoaufschläge für Wertpapiere auf Subprime-Kredite oder auch auf griechische Staatsanleihen.

Alarmierend sind auch die von den Amerikanern angehäuften Studienkredite. In den vergangenen 25 Jahren sind die Studiengebühren inflationsbereinigt um durchschnittlich 85 Prozent gestiegen. 1,6 Billionen Dollar schulden die Studierenden dem Staat. Für viele Akademiker bedeutet dies, dass sie ihr Leben lang verschuldet sind. Nur jeder vierte Schuldner bedient mehr als die Zinsen. Schon vor Corona waren 20 Prozent mit ihren Zahlungen im Rückstand. Bei insgesamt 43 Prozent der ausstehenden Kredite sah es mit einer Rückzahlung schlecht aus.13 Für Hypotheken und Studienschulden beim Staat hat der US-Kongress wegen der Coronakrise den Schuldnern erlaubt, die Zahlungen auszusetzen, manche privaten Finanzdienstleister stunden von sich aus die Raten, um Insolvenzen zu verhindern. Aber eine dauerhafte Lösung des Problems ist das natürlich nicht.

Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt
Eine Finanzkrise kann auch auf einem Feld auftauchen, das noch niemand auf dem Radar hat. Durch ein unerwartetes Ereignis, das die Finanzmärkte aus den Angeln hebt. Einen sogenannten schwarzen Schwan, wie der Autor und ehemalige Börsianer Nassim Nicholas Taleb diese sehr seltenen und höchst unwahrscheinlichen Ereignisse nennt, die aber drastische Konsequenzen haben.15 Eine Pandemie, die Tourismus, Welthandel, ja das gesamte gesellschaftliche Leben für Monate zum Erliegen bringt, ist für manche ein solcher „schwarzer Schwan“. Das stimmt allerdings nicht wirklich. Wissenschaftler haben seit Jahren vor den Möglichkeiten einer Pandemie gewarnt. Auch das Szenario, dass ein Virus von einer Tierart auf den Menschen überspringt, ist dabei sehr deutlich genannt worden. SARS war ein Beispiel, aus dem man hätte lernen können. Außerdem hätten die Staaten bei guter Vorbereitung mit klaren und eingeübten Notfallplänen vermeiden können, dass der gesellschaftliche Lockdown nötig wird und das Virus so dramatische wirtschaftliche Folgen hat. Trotzdem ist natürlich der genaue Zeitpunkt und Verlauf einer solchen Pandemie ungewiss. Es gibt im Finanzwesen nur eine Möglichkeit, sich auf schwarze Schwäne vorzubereiten: Das System muss so stabil sein, dass möglichst viele Verluste von den einzelnen Banken und Fonds abgepuffert werden können und dass die Märkte auch bei stärkeren Verwerfungen funktionstüchtig bleiben. Dann muss aus einem externen Schock wie Corona keine lange, schwere Weltfinanzkrise werden. Doch genau das ist derzeit leider nicht der Fall. Das Virus trifft heute auf ein hoch instabiles Finanzsystem wie eine Kugel auf ein Kartenhaus. Momentan beruhigen sich alle damit, dass der Impfstoff uns alle alsbald retten könnte. Bezogen auf das Finanzsystem ist das jedoch nur die nächste Illusion. Denn ohne fundamentale Änderungen steht hier nur eines fest: Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.